Als sich Lasker gegen Tarrasch durchsetzte

Schach-WM 1908

Als in Wimbledon 1991 Steffi Graf das Damenturnier gewann, während sich bei den Herren mit Michael Stich und Boris Becker zwei Deutsche im Finale gegenüberstanden, sprach die Tenniswelt von einem deutschen Turnier. Es war das aus deutscher Sicht erfolgreichste Grandslamturnier aller Zeiten. Auch in der Schachgeschichte gab es ein solches „deutsches Turnier“. Nie zuvor und nie mehr danach in der Schachgeschichte standen sich in einem WM-Match zwei Deutsche gegenüber. Und wie 1991 im Wimbledonherrenfinale war auch im Schach dieses Turnier ein Spiel der Gegensätze.1 Die deutsche Schach-WM fand 1908 in Düsseldorf und München statt, gegenüber saßen sich die Intimfeinde Siegbert Tarrasch und Emanuel Lasker. Der deutschsprachige Raum war damals im Schach führend, allein der WM-Titel war, zunächst inoffiziell, dann offiziell, von 1868-1921 ganze 53 Jahre in deutschsprachiger Hand. Aus dieser Zeit rührt die Internationalisierung solcher deutschsprachiger Schachbegriffe wie Zugzwang und Zeitnot, die bspw. im englischsprachigen Raum populär sind.

Daß sich beide Herren nicht mochten, ist bekannt. Siegbert Tarrasch, der durch seine Siege in Breslau 1889, Manchester 1890, Dresden 1892, Leipzig 1894, Wien 1898 und Monte Carlo 1903 den inoffiziellen Titel des Turnier-Weltmeisters einfuhr, brüskierte Lasker schon früh, als er 1892 eine Herausforderung des 23jährigen Laskers zu einem Duell in einer Weise, die als hoffärtig bezeichnet werden kann, ablehnte: „Der junge Mann soll erst durch größere Siege in internationalen Turnieren den Nachweis erbringen, daß er das Recht hat, mit einem Mann wie mir zu spielen“. 2 Interessanterweise sollte Tarrasch den Dünkel gegenüber Lasker auch nach Laskers Titelgewinn gegen Steinitz 1894 beibehalten und es viel zu lange Zeit unter seiner Würde ansehen, den Weltmeister herauszufordern. Noch 1905 äußerte er nach seinem 8:1 (bei 8 Remisen) gegen Frank Marshall Richtung Lasker: „Nach dieser meiner neuesten und größten Leistung habe ich keine Veranlassung, irgend jemand in der Schachwelt als über mir stehend anzuerkennen. Es war gewiß schwerer, den jungen Marshall zu schlagen als den alten Steinitz.“ 3

So wenig Tarrasch von Lasker hielt, so wenig hielt auch Lasker von Tarrasch, und die Anzahl an Artikeln, mit denen sie sich gegenseitig herabsetzten, ist legendär. Gründe für die gegenseitige Antipathie waren unterschiedliche Einstellungen beider Herren, die auf ihre Behandlung des Schachspiels abfärbten. Während Siegbert Tarrasch, nach Harold C. Schonberg „ein Deutscher von echtem Schrot und Korn, wie es so viele deutsche Juden waren […]“4, Nationalkonservativer war, der im Schach vorrangig für die Ehre Deutschlands stritt 5, war Emanuel Lasker liberal und Kosmopolit und wußte auch seine Schacherfolge entsprechend in Geld umzumünzen. Jacques Hannak:

„War Tarrasch Repräsentant des geistigen Bildnisses seiner Zeit: Wahrer, Hüter und Lobpreiser der Werte, so war Lasker der Repräsentant der Kehrseite des Bildes: Skeptiker, Ironiker, Bezweifler der Werte. Tarrasch sah das Statische des Bildnisses, die unbewegte Form, Lasker sah das Dynamische, das Vergängliche, den ewigen Fluß der Dinge. Aus derselben Welt derselben Werte, derselben Lebensbedingungen, derselben sozialen und kulturellen Beschaffenheit kamen sonach zwei ganz wesensverschiedene Naturen. Und das ist nichts Neues, nichts Auffallendes. Immer hat es nebeneinander den Konservativen und den Fortschrittlichen gegeben, den den einen, der die errungenen Güter zu verteidigen und zu befestigen strebte, den anderen, der sie umformen, besser machen wollte. Beides zusammen, das Beharrliche und das Vorwärtstreibende, geben erst in ihrer höheren Einheitden eigentlichen Charakter der Welt. Das Schachspiel der zwanziger Jahre vor dem Weltkrieg wäre undenkbar ohne Tarrasch, den Konservativen, und ohne Lasker, den Revolutionär.“ 6

Berlin 1912

Diese unterschiedlichen Weltbilder haben nicht überraschend, getreu des Bonmots, daß der Schachstil der Spiegel der Seele ist, zu unterschiedlicher Behandlung des Schachspiels geführt. Tarrasch, der von seinen Kollegen den Beinamen des praeceptor germaniae erhielt, hatte die Errungenschaften Wilhelm Steinitzens aufgegriffen, verfeinert, dynamisiert und in ein festes Regelwerk gegossen, und zwar in einer Weise, daß Tarrasch der Schachwelt bis heute als einer der größten Dogmatiker gilt. Suchte Siegbert Tarrasch nach dem Allgemeinen, so suchte sein Kontrahent nach dem Besonderen, und im Gegensatz zu Tarrasch bezog Lasker die Persönlichkeit des Gegners in seine Überlegungen mit ein (was ihn in dieser Hinsicht zu einem Vorreiter machte). Deswegen und auch aufgrund der dadurch bedingten mangelnden Originalität Tarraschs, der zwar gründlich war, aber nicht genial, sah auch Milan Vidmar in Lasker den Stärkeren der beiden:

„Da war vor allem der alte E. Lasker, der Mann, der unglaubliche Turniererfolge durch lange Jahrzehnte gesammelt hat, der unglaubliche Spieler, bei dem man nie wußte, woran man eigentlich ist. Man konnte z. B. von seinem großen Rivalen, S. Tarrasch, sehr viel lernen, weil er ein ganzes System der Mittelspielführung aufgebaut hat. Von Lasker konnte man nie etwas lernen. Der Grund ist sehr einfach: man kann Einfälle nicht lernen und erlernen, und Laskers Spiel war so voll von Einfällen, so voll von waghalsigen Unternehmungen, denen man es ansah, daß sie mit der eigenen überlegenen Kraft rechnen, daß noch bis heute kaum irgend jemand seine großen Partien übertroffen hat.“7

So war es wenig überraschend, daß Emanuel Lasker mit Tarrasch leichtes Spiel hatte und diesen mit einem 8:3 unsanft auf den Boden der Realität beförderte. Übrigens hatten beide danach noch einen weiteren Zweikampf ausgetragen, bei dem es allerdings nicht um die Weltmeisterschaft ging. 1916, inmitten der schachlichen Dürrezeit des Krieges, ging Tarrasch mit einem 0:5 bei einem Remis in Berlin unter die Räder und mußte Lasker endgültig den Vortritt lassen. Immerhin hatte er seit St. Petersburg 1914 seinen Frieden 8 mit Lasker geschlossen und seinen Stil in seiner Stärke anerkannt. Was Laskers Stil angeht, so zeigt sich dieser vor allem in der 4. Matchpartie 9 von Düsseldorf 1908, als Lasker Tarrasch mit einem wagemutigen Turmmanöver früh aus dem Gleichgewicht brachte und aus dem dadurch erzeugten, für den korrekten Tarrasch unangenehmem Chaos, siegreich hervorging. Diese Schach-WM bot zudem den skurrilen Auftritt Tarraschs gegenüber Lasker („Ihnen, Herr Lasker, habe ich nur drei Worte zu sagen: Schach und Matt!“) und die ebenso skurrile Ausrede des auch generell nie um Ausreden verlegenen Tarraschs, ihm sei das „Meeresklima“ Düsseldorfs (sic!) nicht bekommen.
Küstenstadt

Mehr zum Thema: https://www.schachburg.de/threads/1674-Die-deutsche-Schach-WM-Lasker-vs-Tarrasch-D%C3%BCsseldorf-und-M%C3%BCnchen-1908

1 zu den Gegensätzen zwischen Becker und Stich, siehe: http://www.spox.com/de/sport/mehrsport/tennis/1106/Artikel/michael-stich-boris-becker-wimbledon-finale-1991-church-road.html
2 Treppner/Pfleger, Brett vorm Kopf, Leben und Züge der Schachweltmeister, Beck´sche Reihe, München 1994, S. 79
3 Edmund Bruns, Schach als Phänomen der Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, LIT-Verlag 2003, S. 63
4 Harold C. Schonberg, Die Großmeister des Schach, Fischer-Verlag 1974, S. 119
5 Vgl. Bruns, S. 63
6 zit. nach Bruns, S. 51f.
7 Milan Vidmar, Goldene Schachzeiten, 1960, Gruyter&Co, S. 1-3
8 https://www.schachburg.de/threads/1691-Das-Gro%C3%9Fmeisterturnier-St-Petersburg-1914
9 http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1241476

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