Archiv des Autors: Bastian Kissing

Der Sultan, der ein Sklave war

Khan mit Turban

In der Schachgeschichte spielte Mir Sultan Khan eher eine mysteriöse Rolle, als er sich zwischen 1928 und 1933 für fünf Jahre in Europa aufhielt und dort, mit Turban und stets hieratischer Haltung, die angestammten Eliten im Schach ärgern konnte. Sein Name „Sultan“ ist insofern irreführend, da es sich bei diesem Schachmeister nicht um einen Sultan handelte, sondern um einen im indischen Kastensystem ganz untenstehenden Sklaven, der im Gefolge seines Herrn, dem prahlerischen Maharadscha Nawab Sir Malik Umar Hayat Khan, nach Europa kam. Geboren in Punjab, damals eine Provinz Großbritanniens und zu Britisch-Indien gehörig, das heute zwischen Indien und Pakistan aufgeteilt ist, war er bereits mit dem Schach vertraut und gewann kurz vor seiner Europafahrt die Indischen Meisterschaften 1928, mußte sich allerdings gehörig umstellen, weil vor allem der in Indien unbekannte Doppelschritt des Bauern dazu führte, daß er quasi ohne jede Eröffnungstheorie seine Spiele in Europa bestreiten mußte. Insofern war er ein Naturtalent, dessen Gehirn laut Harold C. Schonberg anders funktionierte als bei anderen Menschen, der dem Leser die folgende Theorie darüber präsentierte:

Als einzige Parallele wäre der Fall des indischen Mathematikers Srinivasa Ramanujan zu nennen, von dem niemand je gehört hatte, als er 1913 einen Brief an den großen G. H. Hardy in England schickte. Der Brief enthielt 120 Theoreme, und Hardy war überwältigt. Selbst er vermochte Ramanujans Gedanken in ihrer Tiefe, Vielschichtigkeit und Subtilität nicht zu folgen. Ein einziger Blick auf die Theoreme, schrieb Hardy, genüge, um „deutlich zu machen, daß sie nur von einem überragenden Mathematiker aufgestellt sein konnten. Sie müssen wahr sein, denn wären sie es nicht, so würde niemand die Phantasie besitzen, sie sich auszudenken“. Man brachte Ramanujan nach Cambridge, aber dort wußte man nichts mit ihm anzufangen: „Wo sollte man ansetzen, um ihm moderne Mathematik beizubringen? Seine Wissenslücken waren ebenso verblüffend wie die Tiefe seiner Erkenntnisse. Hier war ein Mensch, der komplizierteste Gleichungen lösen konnte, der Theorien komplexer Multiplikationen in ungeahnten Größenordnungen ararbeitete… und doch nur eine vage Ahnung hatte, um was es sich bei einer simplen mathematischen Funktion handelt… Zu all seinen Ergebnissen, neuen wie alten, richtigen wie falschen, war er durch ein Verfahren gelangt, das aus einer Mischung aus Beweisführung, Intuition und Induktion bestand und über das er keinerlei zusammenhängende Erklärung abzugeben vermochte

Sein Eintritt ins europäische Schachleben gelang schlagartig, da er auf Anhieb die englische Meisterschaft in Ramsgate 1929 gewinnen konnte, was auch von den Medien entsprechend vermarktet wurde.

Khan in die Medien

Trainiert von William Winter und Frederick Dewhurst Yates wurde er in Hastings 1930 und 1933 bester englischer Teilnehmer und vertrat sein Gastland mit Erfolg bei den Schacholympiaden. In Liege 1930 erreichte er hinter Tartakower den zweiten Platz, in Scarborough wurde er 1930 geteilter Vierter (Sieger: Edgar Colle), in London 1932 wurde er geteilter Dritter (Sieger: Aljechin) und in Bern 1932, wo ebenfalls Aljechin das Turnier gewann, erreichte er in einem Sechzehnteilnehmerfeld den vierten Rang. In Zweikämpfen schlug er Savielly Tartakower mit 6,5 zu 5,5, unterlag aber Salo Flohr mit 2,5 zu 3,5. Als besonders bemerkenswert gelten seine Siege gegen Frank Marshall 1930 in Liege, sein Sieg gegen den nach der „Oktoberrevolution“ nach Belgien exilierten Ukrainer Victor Ivanovich Soultanbeieff 1930 im selben Turnier und natürlich sein Sieg gegen Capablanca in Hastings 1930/31, wo er die kubanische Präzisionsmaschine mit ihren eigenen Waffen schlagen konnte. Sein Sieg gegen Marshall, wo er das Mittelgambit 1. e4 e5 2. d4 entkorkte, und auch keine Scheu davor hatte, seine Dame früh auf e3 zu postieren, wo sie eine gute Rolle im Spielaufbau einnahm und von ihrer Position nicht vertrieben werden konnte, zeigt seine eröffnungstheoretisch vorurteilsfreie Einstellung und seine Strategie, seine eröffnungstheoretisch versierteren Gegner früh in unbekannte Geleise zu locken. Stilistisch war er ein Positionsspieler reinsten Wassers, der auch schwierige Kombinationen fand und in seine Generalstrategie einbettete. Mit indischer Gelassenheit vertraut zeichnete sich sein Stil durch große Geduld und Hartnäckigkeit aus, der seine Gegner zuweilen aussitzen konnte. Als spielerisch äußerst starker Sklave, der zuweilen seine Großmeisterkollegen bedienen mußte, wenn sie ihn bei seinem Herrn besuchten, erinnert er an den Farbigen Theophilus Thompson aus den USA, der schließlich von einem rassistischen Lynchmob erschlagen wurde; sein jäher Rückzug vom Schach nach seiner Heimfahrt nach Britisch-Indien erinnert wiederum an Paul Morphy.

Seine Stellung als Sklave mag allerdings im modernen Indien, das seit den Erfolgen Vishy Anands einen nachhaltigen Schachboom hinlegt und von einer starken Nachwuchsarbeit profitiert, eher hinderlich sein, ihm als eine Art indischen Vorkämpfer einen Vorbildstatus zu geben. So äußerte sich etwa der erste indische IM Manuel Aaron, zudem Schachhistoriker, der einen Teil der Schachgeschichte Indiens rekonstruieren konnte, in einem Interview nach Mir Sultan Khan befragt, eher zurückhaltend über Khan. Zwar habe er sich, nachdem er 1960 in Europa mehrmals auf Khan angesprochen wurde, „danach intensiv mit ihm beschäftigt“. Aber er bekannte auch freimütig: „[…] mein Idol war er nie“. (Karl, 4/2013, S. 19)

Khan vs. Aljechin